Jungs.

Hildesheimer Allgemeine Zeitung vom 29. Oktober 2013

Pappfiguren mit Aufziehknopf
Theater Triebwerk über die Erschütterungen der Pubertät: „Jungs““ im theo des Stadttheaters

HILDESHEIM. Dieser Lehrer ist ein Schaf. Säuselnd seine Stimme- Wie er den Kopf zur Seite neigt. Souverän die Körperhaltung, jeder Rhetorik-Trainer wäre stolz auf Sperber, den Geschichtslehrer, dessen verächtliche Plattitüden unter der Lämmchen-Maske des Schauspielers Uwe Schade hervordringen: Da.9 Leben ist ein Spiel’«, sagt er fast verschwörerisch zu Lennart, der soeben vom Elite-Internat geflogen ist. Ein Spiel, das du nicht meistern wirst – das ist der Subtext seines Monologs.
Der Blick der Pubertät ist oft der ehrlichste, den Menschen in ihrem Leben entwickeln. Die freie Gruppe Theater Triebwerk widmet sich im theo, der kleinen Spielstätte im Stadttheater, nüt seinem Stück „Jungs“ einer Zeit, in der man noch nicht durch den Filter der gesellschaftlichen Zurichtung gedrückt worden ist. Unmittelbar, nah, fast nackt wirkt auch dieser Abend. Eine laute, musikalisch-spielerische Sinn-Odyssee.
Auf der kargen Bühne stehen zwei Lampen, kleine, grelle Lichter strahlen die Schauspieler von hinten an, der Rest versinkt im Halbdunkel, eine schwarze Plastikfolie zieht sich im Hintergrund schräg von der Decke bis zum Boden. Vor dieser Kulisse begegnet Lennart Figuren, die Uwe Schade mit Tiermasken vor dem Gesicht oft nur klug andeutet, kurze, manchmal surreale Schlaglichter. Dazwischen ist „Jungs“ Erzähltheater, das Freiraum für die eigenen Kopfbilder lässt.
Tobias Gronau setzt zu Anfang mit einem Song über den Abschied vom Internat, dem vertrauten Feind, an. Barfuss, mit hochgekrempelten Jeans und Pennäler-Pulli, brüllt er ins Mikro. „Bye, bye“ den Exoten. Den Posern. Den Despoten. Und den Pappfiguren mit Aufziehknopf.
Lennart ist 17 Jahre, 1,85 Meter groß und benimmt sich nach eigener Aussage „manchmal wie ein Elfjähriger“. Er, der Sohn des zukünftigen Bundespräsidenten, der schmierigen Prominenten die Hand schütteln und ein repräsentatives Jurastudium abschließen soll, macht sich Luft.
Sein Schulrequiem haut Tobias Gronau mit einer Stimme zwischen Zynismus und Angst heraus, die Hände ums Mikro gewickelt wie um einen Strohhalm der Selbstachtung. Ein wütendes Cello, kraftvoll gespielt von Uwe Schade, flankiert die Stimme, abgehetzt und ein wenig melodramatisch. Alles ist irgendwie zerrissen: die Beschimpfungen, die Lennart für seine Umwelt parat hat, wahrend er im Berliner Großstadtmoloch umherirrt und dort auf Intellektuelle, Huren, lüsterne Heranschmeißer und auch einen Menschen trifft, der sich ernsthaft für ihn interessiert. Die Musik ist improvisiert, Tobias Gronau spielt die Leiden des jungen Gesellschaftsverweigerers in einem Spannungsfeld, das auch die Musik bestimmt. Zwischen der Aggression, die er für die Erwachsenen in seinen Worten parat hat, erzahlt sein Körper andere Geschichten: Sich selbst in eine Bühnenecke zwängend, ist er von einer zappeligen Erwartung durchzogen, sie lässt Beine und Arme zittern und wippen. Vielleicht ist ja doch nicht alles so sinnlos. „Jungs“ ist wütendes Theater, das Hoffnung lässt.