Wenn der Wahn zügellos wird
Der Musterschüler von Stephen King - beeindruckende Inszenierung in Herford
Herford. Todd ist außergewöhnlich. In allen Fächern, in allen Lebenslagen ein Musterschüler, ein Ideal-Bild von einem Sohn: höflich, zielorientiert, intelligent, selbstbewusst und clever. Die Eltern lieben ihn, jeder muss ihn mögen. Per Zufall entdeckt der 15-Jährige beim Blättern in alten NS-Zeitschriften das Bild seines Nachbarn: eines ehemaligen SS-Offiziers. Schnell beginnt Todd seine weitere Recherche, findet alles über den untergetauchten Verbrecher in bürgerlicher Maske heraus. Ein Wissen, das er als Druckmittel nutzen will. All die Gräuel des Holocaust, all das teuflische Treiben in Konzentrationslagern will er hören - von einem NS-Befehlshaber selbst erzählt. Was harmlos beginnt, endet tödlich.
"Der Musterschüler" nach der gleichnamigen Novelle von Stephen King- zwei Vorstellungen mehr hatte Gerlinde Behrendt, Theaterpädagogin des Stadttheaters Herford, auf den Spielplan gesetzt, so groß war das Interesse mehrerer Schulen im Kreis an der Koproduktion des Theaters Triebwerk, der Theaterwerkstatt Hannover und des Hamburger Kulturzentrums Kampnagel: zurecht.
Was die Jugendlichen ab 14 Jahren und einige Erwachsene sahen, was sie als jeweils kleines 100-Personen Publikum auf der Bühne selbst mitsitzend in intimer, unmittelbarer Nähe zu den Schauspielern erlebten, war außergewöhnlich: faszinierendes, spannend-packendes, tiefgehendes, brisantes und berührendes Theater. Eine dichte, facettenreiche Geschichte, von charismatischen Akteuren gespielt und gelebt: großartig.
Dieses Stück und diese Inszenierung ist eine der seltenen und wenigen, an die sich jeder Zuschauer immer erinnern wird. Wer nach 90 fesselnden Minuten von seinem Sitz wieder aufstand, war nicht nur momentan beeindruckt, sondern verändert.
Neben den starken Schauspielern lebte diese Inszenierung besonders durch ihre effektvolle und virtuose Montage theatraler Stilmittel: scharfe Szenenschnitte wie im Film, raffende Erzähl-Episoden, angedeutete, fantastische und dann wieder beklemmend-bedrohliche, real- harte Aktion, die kalkulierte Brechung von aufgebauter Anspannung und Entsetzen über Erzählt- und Dargestelltes von KZ-Folterungen und NS-Menschenexperimenten, wenn sie durch ihre intensive Darstellung unerträglich werden und zum Platzen der Anspannung ein Knall nötig ist, um mit dem Publikum anschließend noch weiterzugehen - das herausragende an dieser Umsetzung eines solchen Stoffes: nicht der schnelle Schock im regelmäßigen und sich verkürzenden Abstand steht im Vordergrund, sondern das immer tiefer gehende Portraitieren, der Sog, sich einzufühlen in die Charaktere mit deren Hintergründen, der auch bei ihnen menschlich-ambivalent ist: mitfühlend und teuflisch, wenn im Wahn und bei gebotener Möglichkeit keine Zügel mehr zurückhalten.
Im Glauben, den alten Mann in der Hand zu haben, quetscht Todd ihn aus, lässt sich anfangs noch locker im Stuhl die Beine baumelnd von einer vergangenen Zeit faszinieren, zwingt ihn gar, zum Vorführen eine alte Nazi-Uniform wieder anzusehen. Doch dadurch reißt der Teenager beim ehemaligen SS-Offizier wieder Gräben auf, schaufelt sich gleichzeitig selbst eigene psychische Gräben, in die er fällt, sich verirrt und verliert, vom Bösen fasziniert und verführt wird, schließlich erdrückt und zerstört ist. Nicht nur der alte Mann mordet wieder, auch bei Todd fallen Hemmungen: Eliminieren ist scheinbar eine schnelle, effektive, einfache und eine endgültige Lösung.
Neben vielem Anderen gelang es dem Stück, eine fremde Zeit, mit ihren abstrakten Zahlen von Millionen Ermordeten, auf eine unmittelbare, erfahr- und nachvollziehbare Ebene zu holen, dafür zu sensibilisieren: NS ist kein zugeschlagenes Kapitel, keine Geschichte, die vergangen ist, sondern auch heute noch immer das Leben latent durchströmt. Was ihn ausmachte, kann immer wieder aufbrechen, denn Menschen sind Menschen sind Menschen...
Felix Rettberg - Neue Westfälische - 24. September 2004